Trainingsmethoden
Unter Trainingsmethoden versteht man gezielte Eingriffe in die Wuchsform einer Pflanze, um Licht, Raum und Wachstum besser zu steuern. Dabei geht es nicht darum, Pflanzen „zu manipulieren“, sondern ihre natürlichen Reaktionen bewusst zu nutzen.

Pflanzentraining ist keine Besonderheit des Cannabis-Anbaus. Die meisten heute gebräuchlichen Methoden stammen aus dem klassischen Gartenbau, dem Obst- und Weinbau oder aus der Forstwirtschaft. Schneiden, Biegen, Fixieren oder Auslichten werden dort seit Jahrhunderten eingesetzt, um Pflanzen gesund, kontrollierbar und ertragreich zu halten.
Viele der im Cannabis-Bereich verwendeten Begriffe sind daher vor allem Szene-Namen. Hinter Bezeichnungen wie LST, Topping oder Supercropping verbergen sich bekannte Prinzipien wie Wuchslenkung, Rückschnitt und Apikaldominanz brechen, oder Stressreaktionen der Pflanze. Wer diese Grundlagen versteht, kann Methoden sinnvoll einordnen – und erkennt auch, wo Marketing oder „Bro-Science“ beginnt.
Training ist dabei kein Muss und kein Ersatz für gute Grundlagen. Licht, Substrat, Wasser, Nährstoffe und Klima bleiben entscheidend. Trainingsmethoden sind Werkzeuge zur Optimierung – richtig eingesetzt hilfreich, falsch eingesetzt riskant.
Apikaldominanz brechen – was bedeutet das?
Unter Apikaldominanz versteht man die natürliche Eigenschaft vieler Pflanzen, bei der die Hauptspitze das Wachstum dominiert. Sie hemmt durch pflanzliche Hormone (v. a. Auxine) das Wachstum der seitlichen Triebe, wodurch die Pflanze eher in die Höhe als in die Breite wächst.
Wird die Apikaldominanz gebrochen – etwa durch Abschneiden, Biegen oder Umlenken der Hauptspitze – verteilt die Pflanze ihr Wachstum auf mehrere Triebe. Das Ergebnis ist ein buschigerer, gleichmäßigerer Wuchs.

Warum das die Basis vieler Trainingsmethoden ist
Das Brechen der Apikaldominanz ist die grundlegende Idee hinter vielen Trainingsmethoden.
Ob Topping, LST, SCROG oder Mainlining – sie alle zielen darauf ab, die Vorherrschaft der Hauptspitze zu reduzieren und mehrere Triebe gleichwertig wachsen zu lassen.
Kurz gesagt:
Wer Apikaldominanz versteht, versteht Pflanzentraining.
Gängige Trainingsmethoden im Cannabis-Anbau
LST (Low Stress Training) – Niederbinden / Wuchslenkung
Triebe werden vorsichtig gebogen und fixiert, um die Pflanze flacher und breiter wachsen zu lassen. Die Apikaldominanz wird ohne Schnitt reduziert, wodurch mehrere Triebe gleichmäßig Licht erhalten. Sehr schonend und ideal für Einsteiger.
Tie-Down – Triebe herunterbinden
Eine einfache Form der Wuchslenkung, bei der einzelne Triebe mit Draht, Clips oder Schnur fixiert werden. Funktional identisch zu LST, meist weniger systematisch umgesetzt. Geringer Stress, flexibel einsetzbar.
Leaf Tucking – Blätter unterstecken
Große Fächerblätter werden unter andere Triebe geschoben, anstatt sie zu entfernen. So gelangt mehr Licht an darunterliegende Wachstumspunkte, ohne die Pflanze zu verletzen. Die sanfteste Form des Trainings.
Defoliation (leicht) – gezieltes Entlauben
Einzelne, stark beschattende Blätter werden entfernt, um Licht und Luftzirkulation zu verbessern. Richtig dosiert kann das Wachstum unterstützen, zu viel Entlaubung führt jedoch zu Stress. Kein klassisches Training, aber oft Teil davon.
Topping – Triebspitze kappen
Die Hauptspitze wird abgeschnitten, wodurch die Apikaldominanz aufgehoben wird. Die Pflanze verteilt ihr Wachstum auf mehrere Seitentriebe. Effektiv, aber mit mittlerem Stress und kurzer Erholungsphase.
FIM (Fuck I missed) – unvollständiges Kappen der Triebspitze
Variante des Toppings, bei der die Spitze nicht vollständig entfernt wird. Kann mehrere neue Triebe erzeugen, ist aber weniger kontrollierbar. Funktion und Risiko ähneln dem klassischen Topping.
Lollipopping – untere Triebe entfernen
Untere, lichtarme Triebe und Blätter werden entfernt, um die Energie auf den oberen Bereich zu konzentrieren. Verbessert Übersicht, Luftzirkulation und Pflege. Ein Formschnitt, kein echtes Training im engeren Sinn.
SCROG (Screen of Green) – Netztraining
Die Triebe werden durch ein horizontales Netz geführt und gleichmäßig verteilt. Ziel ist eine flache, gleichmäßig belichtete Pflanzendecke. Sehr effektiv indoor, erfordert aber Planung und regelmäßiges Eingreifen.
Quadlining – Aufbau mit vier Haupttrieben
Die Pflanze wird früh getoppt und auf vier gleichwertige Haupttriebe aufgebaut. Kombination aus Schnitt und LST für eine einfache, symmetrische Struktur. Überschaubarer Aufwand mit gutem Kontrolleffekt.
Mainlining / Manifolding – symmetrischer Aufbau
Mehrfaches Topping kombiniert mit LST erzeugt eine streng symmetrische Pflanzenstruktur. Alle Haupttriebe wachsen gleich stark, was eine sehr gleichmäßige Entwicklung ermöglicht. Zeitintensiv und nur für gesunde Pflanzen geeignet.
Fluxing – extremes Strukturtraining
Sehr kontrollierte und stark symmetrische Wuchsform durch wiederholtes Schneiden und Fixieren. Die Pflanze wird über längere Zeit in der Vegetationsphase gehalten. Hoher Aufwand und hohes Stresspotenzial.
Supercropping – Quetschen und Knicken
Triebe werden gezielt gequetscht und leicht geknickt, ohne sie zu brechen. Die Pflanze reagiert mit verstärktem Wachstum und stabileren Trieben. Stark stressend und fehleranfällig.
Pinching – Triebe quetschen
Junge Triebe werden mit den Fingern zusammengedrückt, um das Längenwachstum zu bremsen. Eine mildere Form des Supercroppings, dennoch mit Gewebeschäden verbunden. Nur mit Gefühl anwenden.
Schwazzing – starkes Entlauben
Große Mengen an Blättern werden zu bestimmten Zeitpunkten entfernt. Ziel ist maximale Lichtdurchdringung, der Stress für die Pflanze ist jedoch sehr hoch. Umstritten und nicht anfängerfreundlich.
SOG (Sea of Green) – viele kleine Pflanzen
Eigentlich keine Trainingsmethode, sondern eine Anbaustrategie. Viele kleine Pflanzen werden kaum trainiert und früh in die Blüte geschickt. Funktioniert nur bei passendem Setup und Erfahrung.
Kurz einordnend
Die meisten Trainingsmethoden unterscheiden sich weniger in der Technik als in Intensität und Timing.
Sanfte Methoden lenken Wachstum – aggressive Methoden erzwingen es.
