Cannabis in der Medizin

Von der Apotheke zur Prohibition – und zurück?

Kurze historische Einleitung

Cannabis gehört zu den ältesten bekannten Heilpflanzen der Menschheit. Über Jahrtausende hinweg wurde es in unterschiedlichen Kulturen medizinisch genutzt – zur Schmerzlinderung, bei Entzündungen, Krämpfen, Schlafstörungen und vielen weiteren Beschwerden. Auch in Europa war Cannabis lange Zeit ein anerkanntes Arzneimittel.

Noch bis ins späte 19. und frühe 20. Jahrhundert hinein war Cannabis fester Bestandteil der westlichen Medizin – und damit auch des Apothekenalltags in Deutschland.


Cannabis in Apotheken im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Ein etabliertes Arzneimittel

Im 19. Jahrhundert war Cannabis in Apotheken kein Sonderfall, sondern ein regulär geführtes Medikament. Verwendet wurden unter anderem:

  • getrocknete Blüten von Cannabis indica
  • alkoholische Tinkturen
  • Extrakte
  • Salben und Kombinationspräparate

Diese Zubereitungen fanden Anwendung bei Schmerzen, Schlaflosigkeit, Migräne, Asthma, Muskelkrämpfen oder Menstruationsbeschwerden. Cannabis war in medizinischen Lehrbüchern beschrieben und in offiziellen Arzneibüchern gelistet.

Auch in Deutschland stellten Apotheken Cannabispräparate selbst her oder bezogen sie von pharmazeutischen Herstellern. Der Umgang war geregelt, aber nicht kriminalisiert.


Neue Arzneimittel verändern die Medizin

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann sich die Medizin grundlegend zu verändern. Fortschritte in Chemie und Pharmakologie ermöglichten es erstmals, isolierte Wirkstoffe gezielt herzustellen. Diese neuen Medikamente galten als modern, wissenschaftlich und zuverlässig.

Für die pharmazeutische Industrie boten sie entscheidende Vorteile:

  • exakte Dosierbarkeit
  • gleichbleibende Zusammensetzung
  • industrielle Herstellung
  • wirtschaftliche Verwertbarkeit

In diesem Umfeld verloren pflanzliche Arzneimittel wie Cannabis zunehmend an Bedeutung – nicht weil sie unwirksam waren, sondern weil sie nicht in das neue medizinische Paradigma passten.


Die Rolle von Bayer und ähnlichen Unternehmen

Unternehmen wie Bayer waren treibende Kräfte dieses Wandels. Sie entwickelten und vermarkteten neue Medikamente, die den Zeitgeist der modernen Medizin widerspiegelten.

Bekannte Beispiele sind:

  • Aspirin (ab 1899)
  • weitere synthetische Schmerz- und Arzneistoffe

Parallel dazu wurden auch isolierte Substanzen wie Kokain und später Heroin medizinisch genutzt – etwa als Schmerzmittel oder Hustenstiller. Diese Stoffe galten zunächst als therapeutischer Fortschritt, ihr hohes Abhängigkeitspotenzial wurde erst Jahre später erkannt.

Wichtig ist dabei:
Cannabis wurde nicht aktiv durch diese Substanzen „ersetzt“, verlor aber in einem Umfeld zunehmend an Bedeutung, das Standardisierung und industrielle Arzneimittel bevorzugte.


Verdrängung vor der Prohibition

Cannabis verschwand zunächst nicht durch gesetzliche Verbote, sondern durch einen schrittweisen Bedeutungsverlust in der medizinischen Praxis. Ärzte griffen häufiger zu neuen, als moderner geltenden Präparaten. Pflanzliche Vielstoffgemische galten als unpräzise und schwer kontrollierbar.

Als Cannabis schließlich im frühen 20. Jahrhundert politisch und rechtlich unter Druck geriet, war es medizinisch bereits an den Rand gedrängt worden. Die spätere Prohibition traf also auf ein Arzneimittel, das zuvor systematisch aus dem medizinischen Alltag verschwunden war.


Vom Arzneimittel zur verbotenen Substanz

Mit zunehmendem internationalem Einfluss der US-amerikanischen Drogenpolitik wurde Cannabis schließlich nicht mehr als Medizin, sondern als gefährliche Droge eingestuft. Internationale Abkommen führten dazu, dass Cannabis aus Arzneibüchern gestrichen und sein Besitz kriminalisiert wurde – auch in Deutschland.

Damit verschwand Cannabis vollständig aus Apotheken und medizinischer Forschung.


Rückkehr mit Hindernissen

Erst Jahrzehnte später begann eine langsame Neubewertung. Erkenntnisse über das Endocannabinoid-System, positive Patientenerfahrungen und gesellschaftlicher Druck führten dazu, dass Cannabis wieder medizinisch genutzt wird.

Heute ist medizinisches Cannabis erneut in deutschen Apotheken erhältlich – ironischerweise kehrt die Pflanze damit an einen Ort zurück, an dem sie bereits vor über 100 Jahren selbstverständlich war.


Fazit

Cannabis wurde nicht aus der Medizin verdrängt, weil es unwirksam oder gefährlich war. Vielmehr führten medizinischer Fortschritt, wirtschaftliche Interessen und politische Entwicklungen dazu, dass eine bewährte Heilpflanze aus dem therapeutischen Spektrum verschwand.

Die heutige Wiederzulassung ist daher weniger eine Neuerfindung als eine historische Korrektur.

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